
Schilfrohr, Lehm und Erdwärme: wie aus einer Ruine wieder ein Haus wurde
Als wir das Haus 2018 übernahmen, war der Zustand ernüchternd. Wasserschäden, Schwammbefall, jahrelanger Leerstand und Umbauten, die es nicht besser gemacht hatten. Die Fassade war verkleidet, das Fachwerk darunter verschwunden. Von außen sah man ein müdes Haus, von innen einen Bauschaden.
Was darunter steckte, war das älteste Gebäude im Ort: 1656/57 von Dorfhandwerkern für einen Elbschiffer gebaut, mitten im Bauboom nach dem Dreißigjährigen Krieg. Der Standort am Berghang war kein Zufall. Wer in Krippen an der Elbe baute, baute im Hochwasser. Wer am Hang baute, hatte weiter zu tragen, aber trockene Füße. Deshalb steht dieses Haus noch.
Ein Umgebindehaus ist kein Fachwerkhaus mit Extras, sondern eine eigene Konstruktion. Unten sitzt die Blockstube, ein Raum aus liegenden Balken. Um sie herum steht ein separates Holzgerüst, das Umgebinde, und trägt das Obergeschoss und das Dach. Die Blockstube muss also nichts tragen außer sich selbst. Sie kann arbeiten, sich setzen, atmen. Slawischer Blockbau unten, fränkisches Fachwerk oben, in einem Haus.
Bei der Sanierung ging es entsprechend nicht darum, das Haus dicht zu machen. Ein Blockbau, der nicht mehr trocknen kann, fault. Wir haben deshalb mit Materialien gearbeitet, die Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben: Lehm, Kalk, Hanf, Holzfaser. Auf die Innenwände kamen Schilfrohrmatten als Putzträger, darauf Lehmputz. In die Wände wanderten die Leitungen der Wandheizung, bevor der Putz kam.
Wandheizung deshalb, weil sie mit niedrigen Vorlauftemperaturen auskommt. Die Wärme kommt aus zwei Erdwärmesonden im Hang. Kein Öl, kein Gas, kein Kamin, der laufen muss, damit es warm wird. Der Kachelofen in der Blockstube und der Kaminofen sind Vergnügen, nicht Notwendigkeit.
Beim Holz war die Regel einfach: was drin bleiben kann, bleibt drin. Balken wurden ausgespänt statt getauscht, fehlende Stücke aus altem Holz ergänzt. Die Dielen sind gebrauchtes Material. Das ist aufwendiger als neu kaufen und sieht danach so aus, als hätte nie jemand etwas gemacht. Genau das war das Ziel.
2021 war die Sanierung fertig. Der Lohn ist banal und genau deshalb der richtige: es riecht nach Holz und Lehm, im Sommer ist es kühl, im Winter warm, und die Wände sind still.
Wer die Bauzeit sehen will, findet auf der Seite Haus & Geschichte eine Auswahl der Fotos aus den drei Jahren. Und wer wissen will, wie es sich anfühlt, bucht am besten das Elbschifferhaus. Dort liegt die Blockstube.
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